Ryan Gander
«Something Vague»

7. Juni – 11. August 2008

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Ryan Gander, Ausstellungsansicht, Felix provides a stage - Eleven sketches on which I was about to draw, 2008

Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Anna-Tina Eberhard 

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Ryan Gander, Ausstellungsansicht, What the postman brought, 2007

Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Stefan Rohner

Mit der Ausstellung «Something Vague» von Ryan Gander (*1976) zeigt die Kunst Halle Sankt Gallen einen renommierten Vertreter der jungen britischen Kunstszene und gibt einen Überblick in das aktuelle Schaffen des Künstlers. Dieses ist durch eine Vielzahl formaler Mittel und Medien geprägt und zeichnet sich durch eine konzeptuelle Herangehensweise und visuelle Einfachheit aus. Ryan Ganders Œuvre dreht sich um die Dekonstruktion, Offenlegung und Verzettelung von Erzählstrategien und Bedeutungsbildungen. Neben Videoinstallationen, Objekten, raumbezogenen Interventionen und Fotografien umfasst seine künstlerische Praxis auch Talks und Künstlerbücher. Trotz dieser Heterogenität fokussieren Ganders Arbeiten die Rolle der Form als Bestandteil der künstlerischen Praxis. Wiederkehrendes Thema ist auch die Beschäftigung mit dem (Zeichen-)System Sprache, ob gesprochen, visualisiert oder geschrieben, und den damit einhergehenden Möglichkeiten und Grenzen. Ganders Ausstellungen sind wie eine Reihe von non-linearen Episoden, die aber ein dichtes Netzwerk von in sich bezogenen Referenzen bilden.

 

Die Videoinstallationen «The Last Work»(2007)und«The Last Work Too»(2008) bestimmen den ersten Raum der Kunst Halle: Sie sind nicht nur räumlich symmetrisch gebaut, sondern stehen auch inhaltlich in enger Wechselwirkung und bilden eine zeitliche Klammer. «The Last Work»dokumentiert den Arbeitsweg des Künstlers vom Studio nach Hause am Anfang einer Auszeit, die er 2007 vom Ausstellungsbetrieb genommen hat.«The Last Work Too» macht den Weg von seiner Wohnung ins Studio sichtbar und ist der erste künstlerische Akt am Ende dieser Auszeit. Die Stimmung bei«The Last Work» ist pessimistisch: Die Kamera zeigt in leichter Aufsicht vorbeiziehende Häuserfassaden am grauen Januarhimmel und eine weibliche Stimme aus dem Off spricht einen Monolog, welcher die Routine der künstlerischen Arbeit thematisiert und dekonstruiert. Im Gegensatz dazu singen Kinderstimmen in «The Last Work Too» freudvoll Sätze aus Ganders Notizbuch vor, welches sich während des Auszeitjahres mit Ideen für neue Werke gefüllt hat. Der Künstler realisiert so auf eine kluge Art und Weise einen Kurzschluss zwischen divergierenden Raum- und Zeitzonen, dies sowohl formal als auch inhaltlich. Darüber hinaus thematisiert er autobiografisch die künstlerische Praxis und dadurch die Entstehung von Bedeutungen und Interpretationen.

 

Zwischen den zwei Videoinstallationen zeigen verschiedene Arbeiten das Spektrum der Herangehensweise des Künstlers und offenbaren sein Interesse für das (selbst-) referentielle Moment in seinem Werk. Ein Gespür für das Situative wird durch die grossformatige Fototapete mit dem Titel «Felix provides a stage –  Eleven sketches on which I was about to draw» (2008) vermittelt, welche innerhalb einer 11-teiligen Fotografieserie im Atelier des Künstlers entstanden ist. Dort hängen einzelne weisse Blätter Papier an Fäden im Raum verteilt und scheinen in der Luft zu schweben. Ganders Assistent Felix Wentworth hat sich mit einem schwarzen Hintergrundbild jeweils vor eines der weissen Blätter gestellt. Das Atelier dient hier als Bühnenbild für eine Inszenierung und der Assistent übernimmt die Rolle des Statisten. So dient diese Aufnahme des Arbeitsortes selbst als Referenzraum: An einer Wand ist die Skizze für «The Universe as I knew it at aged 5, collapsed and expanded several times or more»(2008) als „Bild im Bild“ zu sehen. An einer weiteren Wand bedecken zahlreiche Blätter mit möglichen Titeln und Notizen die Oberfläche und zitieren Ganders Ideen für neue Werke. Das Atelier wird als künstlerischer Produktionsort zugleich auratisch inszeniert und entmystifiziert; das weisse Papier kann stellvertretend für die Idee an sich verstanden werden.

 

In «The New New Alphabet» (2008) zitiert Ryan Gander die gleichnamige bereits existierende Typografie, die 1967 von Wim Crouwel gestaltet worden ist. Diese wurde damals als zu radikal konzipiert und unleserlich empfunden. Ganders Holzbuchstaben (Lettern) fungieren wie Zusatzelemente, die bei einer Überlagerung beider Schriften das Schriftbild erst klarer und leserlich machen würden. Mit dieser Art von Korrektur wird die Schrift neu kontextualisiert und adaptiert. Dieses Verfahren der Transformation und Überführung in einen neuen Kontext wendet der Künstler auch bei «In spite of myself»(2008) an. Das Muster auf der Stoffrolle zeigt das in England übliche Schnittmusterpapier: Weisser Hintergrund mit blauen Kreuzen und Punkten. Damit wird ein Schritt im Prozess des Mode-Designs weggelassen, oder besser gesagt komprimiert. Dieser Stoff wurde in St. Gallen produziert und in einem zweiten Schritt zu einem massgeschneiderten Herrenhemd für den Kurator Giovanni Carmine weiterverarbeitet.

 

Der Parcours der Ausstellung führt weiter in den Hof der Kunst Halle, wo die Skulptur «Milestone» (2006/2008) aus dem Boden ragt. Diese ist eine Art Hommage an Le Corbusier: In ihrem Inneren befinden sich Bruchstücke von Beton, die von der „Unité d’Habitation“ stammen, die der Architekt in Marseille gebaut hat. Modernismus und Designgeschichte bilden ein wichtiges Untersuchungsfeld in Ganders künstlerischer Arbeit, die sich gerne dessen Ideen und Formen bedient um neue Bedeutung daraus zu bilden.

 

Trotz dieser Bezüge bleibt das Enigmatische der Kern von Ganders künstlerischer Praxis und dies wird insbesonders im letzten Ausstellungsraum klar. Dieser Raum wirkt auf den ersten Blick leer, aber bei einer genaueren Betrachtung merkt man, dass die ausgestellten Werke Unsichtbarkeit und Abwesenheit thematisieren. Mit «She walked ahead, leading him through a blizzard of characters» (2008) wird eine frisch verputzte Wand im Ausstellungsraum betitelt. Der Titel ist narrativ angelegt, doch bleibt die Geschichte erstmals verborgen, denn unter die frische Schicht von Gips wurde ein Text angebracht. Die Erzählung wurde von einem Ghostwriter geschrieben und bezieht sich auf das Pseudonym ‚Alan Smithee’, welches in den Jahren 1968 – 1999 von namhaften Regisseuren benutzt wurde um ihre eigene Autorschaft zu verdecken. Dieser Text wurde ursprünglich von dem mexikanischen Künstler Mario Garcia Torres in Auftrag gegeben, aber der Autor dafür nicht entschädigt. Stattdessen kaufte Ryan Gander dem Autor die Exklusivrechte ab für die Geschichte, die aber nie enthüllt sein wird. Das Thema der Abwesenheit wird bei der mehrteiligen Arbeit «What the postman brought» (2007) gut deutlich. So gibt es einen Buchständer, aber der Verweis auf das fehlende Buch steht auf der Texttafel an der Wand. Genauso sind im Raum eine Hängevorrichtung für ein Ölbild und ein leerer Bilderrahmen verteilt. Nur bei einer genaueren Auseinandersetzung werden die Zusammenhänge und die Referenzen deutlich und das Thema der Arbeit klar: Die Dekonstruktion der Funktion von Ausstellungsdispositiven als Bedeutungsträger. So animieren zwei weisse im Raum stehende Holzsockel und eine detaillierte Auflistung von verschiedensten Gegenständen («Making it up as he went along (Alchemy Box #7)», 2008) den Betrachter, das Vertrauen gegenüber dem Künstler zu überprüfen: Der aufgelistete Inhalt kann in der Tat nicht kontrolliert werden. Das Konzept der ‚alchemy boxes’ erinnert an die von Andy Warhols ‚time capsules’, die aus einer Ansammlung von Gegenständen bestanden und für ihn wie ein visuelles Tagebuch funktionierten. Bei Ryan Gander ergeben die Gegen-stände hingegen einen eigenen Kosmos, der sowohl auf die Aussenwelt als auch selbstreferentiell auf sein eigenes Werk verweist.

 

Ganders Werke lassen sich nicht durch eine schnelle Betrachtung entschlüsseln. Sie sind eine Einladung an den Betrachter sich aktiv und assoziativ zu beteiligen und können als Bruchstücke eines komplexen künstlerischen Universums gelesen werden. Hier vereinen sich Entstehungsprozesse, Formen und Interpretationen in einer engen Wechselwirkung, welche die Komplexität als zentrales Element der Kunst zelebriert.

 

Mit freundlicher Unterstützung der Marie Müller-Guarnieri-Stiftung, St. Gallen; Stanley Thomas Johnson Stiftung, Bern; TW Stiftung, St. Gallen; George Foundation, Winterthur; Jakob Schläpfer, St. Gallen; Multigips AG, St. Gallen; Belcolor AG Flooring, St. Gallen.

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