Matias Faldbakken
«Extreme Siesta»

19. September – 23. November 2009

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Matias Faldbakken, Untitled (Outline), 2009

Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Anna-Tina Eberhard 

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Matias Faldbakken, Ausstellungsansicht, Untitled (Canvas #26-34), Grip Tape Sulpture #1Grip Tape Sculpture #2, 2009

Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Anna-Tina Eberhard

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Matias Faldbakken, Ausstellungsansicht, Remainder VII, Untitled (No Comment/AFV), 2009

Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Anna-Tina Eberhard

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Matias Faldbakken, Ausstellungsansicht, The Slave #1-10, Untitled (Crunch Time) und Untitled (Generation Disappointment), 2009

Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Anna-Tina Eberhard

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Matias Faldbakken, Abstracted Car #2, 2009

Photo: Kunst Halle Sankt Gallen, Anna-Tina Eberhard

Der norwegische Schriftsteller und Künstler Matias Faldbakken (*1973) mischt in seiner Arbeit konzeptuelles Vorgehen mit trivialen Gesten, Vandalismus und Appropriation, Poesie und Pop-Kultur. Für die Kunst Halle Sankt Gallen hat er eine Reihe neuer Werke produziert, die er unter dem Titel «Extreme Siesta» vereint.

 

Die Ausstellung kreist um die Idee der künstlerischen Produktion als Praxis des Nichtstuns und der Negation - dies nicht ohne eine ordentliche Prise Sarkasmus. Seine Skulpturen, Wandmalereien oder Videoarbeiten, für die Faldbakken Klebeband, Sprayfarbe, rohe Leinwände und found footage verwendet, setzen diese Auffassung präzis und radikal um. Faldbakken betrachtet Kunst tatsächlich "als das Gegenteil von Arbeit, Nicht-Produktivität in gewisser Weise. Das ist es, worauf ich in St. Gallen eingehen möchte: Kunst als Nicht-Arbeit. Und Kunst, die in einer von der Idee der Arbeit entfernten Situation hergestellt wurde. Der nahezu Debord'sche Gedanke, ein dem Akt der Negation gewidmetes Leben sei ein Leben der Negation von Arbeit, wird zu einer behaglichen Formulierung von 'Kunst-als-extreme-Nicht-Arbeit' gedreht".

 

Faldbakken ist in der Kunstwelt für die Auseinandersetzung mit dem Thema der Negation bereits bekannt und sein Schaffen wurde gar als “konzeptueller Nihilismus” bezeichnet. Über die visuelle Repräsentation der Verneinung hinaus kann Faldbakkens Kunst als Inkarnation einer künstlerischen Haltung verstanden werden, die nicht nur auf der Darstellung der Negation basiert, sondern vielmehr auf einer unangepassten Lebenseinstellung. In Faldbakkens Werk treffen - ausgehend von dieser Haltung - verschiedene Anliegen aufeinander, z.B. der vandalische Impuls, die Suche nach Freiheit durch Rebellion, die Obsession mit Tod und Suizid, die Ablehnung von Ästhetik sowie die Ästhetik der Ablehnung, oder die Überzeugung, dass Kunst als eine notwendige negative Kategorie bestehen sollte.

 

Trotz der Verwendung verschiedener Medien spiegelt «Extreme Siesta» eine sehr greifbare und präzise Attitüde wider, so dass die Ausstellung als einheitliches Projekt zu verstehen ist. Es sind ausschliesslich neue Arbeiten zu sehen, die sich durch eine bewusst einfache Ausführung auszeichnen: eine Kombination von „do it yourself“-Ästhetik, Faulheit, billigen Materialien und schneller Verarbeitung, die das Publikum mit der Idee einer „nicht-produktiven Produktion“ konfrontiert. Die Werke besitzen einen ambivalenten Status; sie befinden sich irgendwo zwischen radikaler Geste und dem Risiko, zu einfach zu wirken.

 

Das halb-fertige monochrome Graffiti Untitled (Outline) erstreckt sich über Fenster und Türen des ersten Ausstellungsraumes. Durch die Absenz von Konturen und das Übereinanderlegen mehrerer Textschichten wird die Schrift unkenntlich gemacht und dadurch zum abstrakten Bild, zur Wandmalerei. Gleichzeitig ist die Arbeit als Intervention zu verstehen, als vandalischer Akt in den Räumen einer Institution für Kunst, deren Beseitigung kostenspieliger sein wird als ihre Herstellung. Auch in der radikalen Malerei der Serie Untitled (Canvas #26-34) widmet sich Faldbakken der Abstraktion; durch die Verwendung von Ad Reinhardt-Leinwänden verweist er auf die Minimal Art.

 

Material, Behälter und Überreste der Unterhaltungsindustrie verwendet Faldbakken sowohl für die Skulptur VHS Coversaus Stapeln leerer VHS-Hüllen als auch für die beiden Arbeiten Grip Tape Sculpture #1 und #2, die er mit speziellem Klebband "verschandelt". Eine andere Art von Modifikation nimmt er in der Videoarbeit Untitled (No Comment/AFV) vor: Der Zusammenschnitt von You Tube-Filmen, bestehend aus Szenen der Nachrichtensendung No Comment und einer amerikanischen "Pannenshow", zeigt Faldbakkens Faszination für Slapstick und erweitert die Ausstellung um eine narrative Ebene.

 

Während Faldbakken mit Abstraced Car #2 einen Teil des öffentlichen Raums in Anspruch nimmt (das mit Sprayfarbe besprühte Auto - gleichzeitig ein ungewohntes Monument für den Vandalismus und den Aktionismus - ist links vom Eingang der Kunst Halle parkiert) holt er mitRemainder VII ein Stück des öffentlichen Raums in die Kunst Halle: die weissen Kacheln erinnern an Unterführungen oder öffentliche Toiletten. Die "Tags" sind durch schnelles und schlampiges Saubermachen erneut unleserlich gemacht. Mit der unvollendeten Kachelung wird hier - wie auch in den Arbeiten The Slave #1-10 und Untitled (Generation Disappointment) - das Pragmatische und Unkomplizierte in Faldbakkens Arbeitsweise sichtbar. Idee, Geste und Ästhetik sind für ihn ein und dasselbe.

 

Mit der Intervention, die Faldbakken in Untitled (Crunch Time)und Untitled (Generation Disappointment) vornimmt, wählt er die einfachste und schnellste Art, das Bild einer Person zu verunstalten: er versieht alle in einer Ausgabe der Zeitschrift The Economist bzw. The Times abgebildeten Personen mit einem Schnurrbart. Die historische Referenz zu Hitler ist dabei genauso offensichtlich wie der kunstgeschichtliche Bezug zu Mona Lisas Schnurrbart von Marcel Duchamp. Die abwechselnd auf dem Kopf stehenden Seiten sind die Folge eines möglichst pragmatischen und schnellen Vorgehens beim Scannen der Zeitschriften. Diese halbherzige Arbeitsweise ist auch in Brown Abstract #6 zentral: das Werk aus braunem Klebband - Material, das im Kunstkontext eher beim Verpacken von Werken Verwendung findet als bei deren Herstellung - lässt Zweifel am Wertesystem der Kunst anklingen, indem es die Nähe von Kunst und Wegwerfgegenständen sichtbar macht.

 

Faldbakkens Arbeiten sind künstlerische Gesten, die natürlich als „schlampig“ gelesen werden können, die aber im Kontext einer Institution für Gegenwartskunst auch komplexe Themen wie Jugendkultur, die Geschichte der Abstraktion und gesellschaftliche sowie institutionelle Selbstzensur ansprechen. Das grosse „Nein“, für das Faldbakkens Werke zu plädieren scheinen, wird aber in letzter Analyse zur positiven, produktiven und offensiven Geste, die sowohl das Publikum wie auch die Kunst Halle selbst zu einer tiefgründigeren Reflexion zwingt. Es geht um gesellschaftliche und kulturelle Konventionen, die bestehen, um gebrochen zu werden, aber auch um die Diskussion über die Rolle von Arbeit in der Definition unseres alltäglichen Lebens.

 

 

Biografische Angaben: 

 

Matias Faldbakken (*1973 in Dänemark, lebt und arbeitet in Oslo) studierte an der Academy of Fine Art Bergen und der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste, Städelschule, Frankfurt am Main. Einzelausstellungen fanden in folgenden Institutionen und Galerien statt (Auswahl): IKON Gallery, Birmingham; The National Museum of Art, Design and Architecture, Oslo; Annen Etage, the annex at the Faculty of Visual Arts, KHiO, Oslo; Reena Spaulings Fine Art, New York (2009); Simon Lee Gallery, London; Galerie Giti Nourbakhsch, Berlin (2008); STANDARD (OSLO), Midway Contemporary Art, Minneapolis (2007). Des Weiteren war Faldbakken an zahlreichen Gruppenausstellungen beteiligt, zuletzt im Museu d'Art Contemporani de Barcelona (MACBA); Kunsthalle Andratx, Mallorca; Marvelli Gallery, New York (2009); Aspen Art Museum; Henie Onstad Art Centre, Høvikodden; Rekord, Oslo; Cosmic Galerie, Paris; Museum of Contemporary Art, North Miami, Florida; Elizabeth Dee Gallery, New York; Den Frie Udstilling, Kopenhagen; Tel Aviv Museum Of Art (2008).

 

 

«Extreme Siesta» wird unterstützt von OCA, Office for Contemporary Art Norway und der Königlichen Norwegischen Botschaft, Bern. Speziellen Dank an Restaurant David 38, St. Gallen.

 

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